Sand

„Thinking in Systems“

Schön, dass Donella Meadows im Vorwort zu Ihrem Buch „Die Grenzen des Denkens“ schreibt, dass viele Denker unterschiedlicher Disziplinen von Natur aus Systemdenker sind, ohne jemals einen Computer für die Simulation von Systemen benutzt zu haben. Sie nennt als Beispiele „viele anonyme Quellen uralter Weisheit, von den Ureinwohnern Amerikas bis zu den Sufis des Mittleren Ostens“. Interessant ist der Gedanke, dass ein Computer hilfreich dabei sein könnte, Systeme eher zu verstehen.

Für mich greift Ihr Glaube an die Berechenbarkeit von Systemen, dass Systeme durch Analyse vollständig verstanden werden können und die Betrachtung von Systemen nur ein weiteres Werkzeug im wissenschaftlichen Methodenkoffer sind, zu kurz:

Sobald wir den Zusammenhang zwischen Struktur und Verhalten erkennen, fangen wir an zu verstehen, wie Systeme funktionieren, woran es liegt, wenn sie nicht das leisten, was man erwartet, und wie man ihr Verhaltensmuster verbessern kann. (S. 17) (…) Einige Dinge lassen sich durch die Linse des menschlichen Auges betrachten, andere durch die eines Mikroskops, andere durch die eines Teleskops und wieder andere durch die Linse der Systembetrachtung. (S. 22)

Interessant ist auch, dass sie sagt:

Seit der industriellen Revolution hat die westliche Gesellschaft aus Wissenschaft, Logik und Reduktionismus mehr Nutzen gezogen als aus Intuition und Ganzheitsdenken. (S. 19)

Dieser Blickwinkel und der dazugehörige Lösungsvorschlag wird auch in einem nächsten Abschnitt noch einmal deutlich:

Hunger, Armut, Umweltzerstörung, wirtschaftliche Instabilität, Arbeitslosigkeit, chronische Erkrankungen, Drogensucht und Krieg beispielsweise bestehen weiterhin trotz aller analytischen Kompetenzen und technischen Brillanz, die auf ihre Ausmerzung gerichtet worden ist. Niemand erschafft bewusst diese Probleme, niemand will, dass sie weiter bestehen, aber sie tun es trotzdem. Das kommt, weil sie wesenhaft Systemprobleme sind – unerwünschte Verhaltensweisen, die charakteristisch sind für die Strukturen, die sie hervorbringen. Sie werden nur dann verschwinden, wenn wir uns wieder auf unsere Intuition besinnen, mit Schuldzuweisungen aufhören, das System als Quelle seiner eigenen Probleme erkennen und den Mut und die Weisheit finden, es neu zu gestalten. (S. 19)

Von der Autorin, die das Buch „Die Grenzen des Wachstums“ geschrieben hat, doch eine etwas ungewöhnlicher Blickwinkel. Aus meiner Sicht stellt sich eher die Frage, ob der Fokus auf Kognition und analytisches Denken uns nicht in die Kalamitäten gebracht hat, in der wir uns mittlerweile befinden.

Mit kommen bei dieser Sichtweise drei Aspekte zu kurz:

1. Jede und jeder macht sich ihr oder sein Modell von Welt. Dabei ist die Karte natürlich nie die Landschaft sondern zwangsläufig immer eine Abstraktion. Es ist aber nicht zwangsläufig so, dass die unterschiedlichen Modelle übereinstimmen. Es ist sogar eher unwahrscheinlich. Der unterschiedliche Blick auf Systeme führt damit zwangsläufig nicht zu gleichen Erkenntnisergebnissen.
2. Wir sind gleichzeitig auch immer Teil des Systems. Das Betrachten eines Systems ist vergleichbar mit dem Messen eines Systems. Damit beeinflussen wir zwangsläufig das Betrachtungs- und Messergebnis und können keine von uns unabhängige Aussage über das System machen. Wir müssten uns als mitdenken (können).
3. Das System und wir entwickeln uns in gegenseitiger Rückkopplung weiter, wie Pia Mayer-Gambe in ihrem Buch „Das goldene Ei“ schreibt. Damit sind wir auch immer ein Abbild des Systems und unseres vergangenen Handelns. (Unklugerweise verändern wir die Systeme, die für uns existentiell sind in sehr viel höherer Geschwindigkeit als wir uns selbst anpassen können. Die Evolutionstheorie würde ein derartiges Handeln nicht gutheißen.)

Donella Meadows fasst Ihre Erkenntnisse in 15 Richtlinien für ein Leben in einer Welt der Systeme zusammen:

1. Den Rhythmus des Systems erfassen
2. Denkvorstellungen deutlich machen
3. Informationen respektieren und weitergeben
4. Sprache sorgsam verwenden und mit Systemkonzepten anreichern
5. Auf das wirklich Wichtige achten, nicht nur auf Quantifizierbares
6. Rückkopplungsstrategien für Rückkopplungssysteme entwickeln
7. Für das Wohl des Ganzen arbeiten
8. Auf die Weisheit des Systems hören
9. Verantwortlichkeiten im System ausfindig machen
10. Bescheiden bleiben – Ständig dazulernen
11. Komplexität feiern und fördern
12. Zeithorizonte ausweiten
13. Den Disziplinen trotzen
14. Die Grenzen der Fürsorge erweitern
15. Das Güteziel nicht verwässern (S. 213)

Ich glaube, wenn wir zusätzlich mehr Achtsamkeit für kleine Veränderungen entwickeln, mehr Demut für Feedback empfinden und bescheidener im Denken werden, verhalten wir uns systemdienlicher.

(1) Meadows, Donella H.: Die Grenzen des Denkens. Wie wir sie mit Systemen erkennen und überwinden können. Oekom Verlag, München, 2010.
(2) Mayer-Gampe, Pia: Das goldene Ei. Die Matrix der Wirklichkeit im Märchen. Riemann-Verlag, München, 2010.

Bad Gastein

Friedvoll Träumen

Patricia Garfield schreibt in ihrem Buch „Creative Dreaming“ (1) über verschiedene Zugänge zum im weiteren Sinne luziden Träumen. Sie beschreibt dabei auch wie die in Malaysia lebende Volksgruppe der Senoi Träume in ihren Alltag integriert hat.

> Die Erstausgabe des Buches ist von 1976 und ich weiß nicht welche neuen Erkenntnisse sich seitdem ergeben haben. Nichtsdestotrotz finde ich das beschriebene Konzept interessant und bemerkenswert.

Zum Zeitpunkt als das Buch entstand, sind die Senoi ein eigenständiger Volksstamm im Urwald von Malaysia:

The Senoi people are a large primitive tribe (…) living in the mountainous jungles of Malaysia. (…) They live in extended family units in communal longhouses that are built to last five or six years. Each family has its own living compartments and cooks seperately. The members of a longhouse interact like a village (…), with the central floor area as a street. (…) They stay as long as the land is fertile, than move on. (S. 81f.)

Den interessantesten Aspekt finde ich, dass die aktive und tägliche Beschäftigung mit Träumen anscheinend ein kooperatives und friedvolles Zusammenleben fördert:

Although we are far beyond the Senoi in every material sense, they are more advanced than we are in other ways. They have achieved things we have vainly struggled for. The Senoi are a peaceful culture; violence of any sort is extremely rare. (…) The Senoi maintain this peacefulness despite warlike tribes near them; the other tribes are fearful of what they regard as the magic power of the Senoi. The Senoi are a highly cooperative people. A basic exhortation is „Cooperate with your fellows – if you must oppose their wishes, oppose them with goodwill.“ There is a feeling of shared responsibility. Food is shared, land is shared, life is shared. Although cooperative, the Senoi are also individualistic and creative. Each person evolves his own unique personality and creative products. (S. 83)

Denn Träume stehen im Leben der Senoi im Mittelpunkt:

The question „What did you dream last night?“ is actually the most important question of Senoi life. (…) Every morning at breakfast each family member, youngest to oldest, relates his or her dreams. No one will say, „I don’t know,“ or „I don’t remember,“ for dreams are the most central aspect of Senoi life, and everyone does remember. (…) Children begin to report their dreams at breakfast as soon as they can talk. (…) Obviously the Senoi, even more than the American Indians, regard dreams as important and so receive helpful dreams. (S. 80f.)

Was im Familienverbund beim Frühstück beginnt, wird dann von den Erwachsenen im Stammesverbund fortgeführt. Die verschiedenen individuellen Träume werden erzählt, gemeinsam diskutiert und interpretiert. Letztendlich basiert der Tagesablauf dann auf dem Ergebnis dieser gemeinschaftlichen Beratungen:

The men, adolescent boys, and some of the women share their dreams with the larger group. (…) The Senoi people determine most activities of daily life from the interpretations and decisions that arise out of their council discussions (S. 81)

Wichtig ist insbesondere das richtige Verhalten im Traum, das über über die Jahre geübt werden muss:

They ask the child about his behavior in the dream; they tell him what he did wrong in it, according to their system; they congratulate him on his correct behavior; (…) and, finally, they recommend social actions based on events in the dream. (S. 81) (…) By the time a Senoi child reaches adolescence, he no longer has nightmares; his dreams change over the years until they reach the basic pattern required by their society. He is not considered to be a man until his dream characters cooperate with him and serve him in socially acceptable ways. (S. 92f.)

Patricia Garfield fasst den richtigen Umgang mit Träumen aus Sicht der Senoi in drei allgemeine Regeln zusammen:

The first general rule is what I call confront and conquer danger in a dream. (…) „(…)
Always attack a dream image which attacks you. (…) Never let something attack you in a dream and run from it. Always confront the danger.“ (…) The second general rule of Senoi is a parallel of the first, except that it is directed at a different stimulus: Advance toward a pleasure in a dream. The child is encouraged to move toward pleasurable sexual experience in a dream, to enjoy the sensations, to extend them to the ultimate. The child is also urged to enjoy the pleasurable sensations of flying in a dream, to relax and experience them fully. The third general rule I call the rule to achieve a positive outcome. (…) The ultimate positive outcome, however, is the ending of the dream with a gift to the dreamer from one of the dream images. (S. 85f.)

Neben dem kooperativen und friedvollen Zusammenleben scheint die intensive Beschäftigung mit Träumen im Leben der Senoi noch weitere positive Aspekte zu haben:

Perhaps the most striking characteristic of the Senoi is their extraordinary psychological adjustment. Neuroses and psychoses as we know them are reported to be nonexistent among the Senoi. Western therapists find this statement hard to belive, yet it is documented by researchers who spent considerable time directly observing the Senoi. The Senoi show remarkable emotional maturity. Desire for possession of things and people seems extraordinarily slight, perhaps as a result of their advanced psychological development. (S. 83)

Nur schade, dass wir unsere Träume (wie so vieles andere) in eine (Traum-) Fabrik ausgelagert haben. Aber vielleicht ist es einen Versuch wert, das wieder zu ändern. Erzählen wir uns unsere Träume und lauschen wir unseren Erzählungen. Führen wir Traumtagebücher und treffen uns alle zwei Wochen sonntags zum Kaffee, um daraus vorzulesen und uns zu unterhalten. Wir können nur gewinnen. Und manchmal darf man seinen Träumen auch glauben:

There are no well-controlled scientific studies, to prove that peacefulness, cooperativeness, creativeness, mental health, and emotional maturity are the result of the Senoi’s unique use of dream material. However, there is much to strongly suggest that, at the very least, their use of dreams is a basic element in developing these characteristics. (S. 84)

Ich wünsche aufregende, erkenntnisreiche, spannende, farbige, friedvolle Träume.

(1) Garfield, Patricia: Creative Dreaming. 19. Aufl., Ballantine Books, New York 1990.

Sylvester 2017

Raketen zischen durch die Nacht. Zerreißen sich, um ihr Innerstes für uns leuchten zu lassen. Böllerdonner und Kanonenschläge rollen durch die Nacht. Zerplatzen, um der Konversationslücke keinen Raum zu schenken. Schweflige Nebelschwaden trüben die klare Dunkelheit. Böse Geister werden vertrieben. Von wo wohin auch immer. Da jedes Jahr immer mehr Feuerwerk dröhnt und Funken spritzen läßt, scheinen immer mehr böse Geister vertrieben werden zu müssen. Doch wer glaubt in seinem innersten Herzen wirklich noch, dass in einer Nacht die bösen Geister eines ganzen Jahres vertrieben werden könnten oder müssten? Wer hätte die denn alle gerufen? Wenn die Handlung bleibt aber der Kontext geht, ist ein Ritual dann nicht nur noch eine leere Hülle ohne Inhalt?

Kanonendonner und Leuchtfeuer betreffend, hat sich Europa wirklich ausreichend bemüht, die bösen Geister von Jahrtausenden zu vertreiben. Und sie stattdessen geweckt. Der 1. Weltkrieg, der große Krieg geht in sein letztes Jahr. Es sind unglaublich lange 100 Jahre her, dass Pulverdampf fortwährend über die Schlachtfelder Europas wehte. Es liegt unglaublich kurze vier Generationen zurück, dass die unreife Männlichkeit der Mächtigen Millionen Menschen zwang, sich jahrelang in Gräben zu vergraben. Um nichts zu gewinnen.

Die Dimension zwischen Krieg und Sylvester scheint zu hinken. Aber nur weil Schmerz mit der Erinnerung verblasst. Weil unser Unbewusstes glücklicherweise nur freundliche Erinnerungen zu Tage fördert, wenn lautes Knallen durch den nächtlichen Himmel hallt. Nicht alle teilen dieses Glück. Auch bei uns nicht.

Würde es sich nicht manchmal lohnen, dem „das haben wir schon immer so gemacht“ nachzuspüren und ihm gebührenden Raum für Veränderung zu gewähren, damit Neues entstehen kann? Was könnten Millionen von Euros in die Welt bringen, außer Feinstaub und Asche?

Wäre es nicht freundlicher, das vergangene Jahr mit Sektkorkenknallen und geselligem Gelächter fröhlich zu verabschieden (und, wenn es sein muss, böse Geister zu vertreiben)? Wäre es nicht hoffnungsfroher, das neue Jahr mit leuchtenden Augen strahlend zu begrüßen? Wäre es nicht erfüllender, wenn wir in einem Moment der Stille in uns hineinhorchen könnten und herausfänden, wie wir das Feuerwerk in uns anzünden könnten, damit unser Funkeln länger als nur einen explodierenden Augenblick anhält?

Auf ein wunderbares neues Jahr. Prosit 2018!

In Memoriam Jonas

Jonas, nur Jonas, der letzte Detektiv und sein Supercomputer Sam erhalten am 1. Mai 2017 ihren letzten Auftrag.

Hat jemand Lust am Samstagabend, den 6. Mai 2017 mit mir in einer Münchner Bar mit einem Glas Whisky auf Jonas und Sam anzustossen? Es muss ja nicht unbedingt Old Forester sein. Ich finde, das hat der Held aus der Zeit als die Kriminalhörspiele noch donnerstags liefen, verdient. Vielleicht im Schumann´s?

Hier ist das dazugehörige Doodle: In Memoriam Jonas

For a (long) Goodbye to Jonas and Sam.

Strom kommt aus der Steckdose?

Wir haben uns an Strom gewöhnt. Elektrische Fensterheber im Auto, automatisierte Rollos, beleuchtete Skipisten. Wir verfügen über Strom wann und wo immer wir wollen. Der Preis für diese Bequemlichkeit sind verstrahlte Landschaften nach den Reaktorunfällen von Tschernobyl oder Fukushima, beißender Smog beginnend in den 1950er in London bis heute in Peking, Klimaerwärmung und damit weltweit immer mehr Überschwemmungen und Dürren. Die Natur gibt uns Rückmeldung, dass wir unser Verhalten ändern sollten, wenn auch nachfolgende Generationen in eine lebenswerte Welt hingeboren werden sollen. Manchmal ist das Feedback unmittelbar und klar, manchmal subtil und mühsam zu interpretieren. Manchmal hören wir darauf und sind sogar erfolgreich: Beim Ozonloch beispielsweise. Es schließt sich langsam wieder. Manchmal glaube wir ganz lange nicht daran: Beispielsweise beim Klimawandel.

Doch wer mit klarem Verstand die Fakten betrachtet, wird einsehen, dass wir unser Verhalten ändern müssen. Wer die Bilder Sebastiao Salgados von den kuwaitischen Ölfeldern nach dem Golfkrieg von 1991 ansieht (z.B. mit einer Google-Bildersuche) wird fühlen, dass wir unser Verhalten ändern müssen. Verzicht und kluge technische, wirtschaftliche und soziale Lösungen werden notwendig sein, um weniger parasitär und mehr symbiotisch in der Welt zu leben.

Um unseren zukünftigen Energiebedarf zu decken, wird Energieerzeugung aus Wind, Sonne, Biomasse und Geothermie unverzichtbar werden. Damit wird sich unser Energiesystem verändern. Altes wird sterben, Neues entstehen – mit all den Widerständen, Schmerzen, Hoffnungen und Diskussionen, die Veränderungen mit sich bringen.

Unser bisheriges Energiesystem hat eine zentrale Struktur mit wenigen Großkraftwerken, verbraucht Uran, Kohle, Öl oder Gas, hat hohe Betriebskosten und verschmutzt die Umwelt. Erneuerbare Energieerzeugung aus Wind und Sonne ist sehr dezentral möglich, hat kaum Betriebskosten und ist vergleichsweise umweltfreundlich. Und mit Power-to-Gas, das in spätestens 5 Jahren wirtschaftlich verfügbar sein sollte, löst sich das Problem der volatilen Stromerzeugung und der Weg in den Mobilitäts-, Wärme- und Chemiesektor ist offen.

Mit erneuerbarer Energieerzeugung können Einwohner von Gemeinden oder Landkreisen z.B. über Genossenschaftsmodelle lokal Eigentümer ihrer Energieerzeugung und damit unabhängig von Großkonzernen werden. Sie können mit Power-to-Gas unabhängig von Gasimporten und damit unabhängig von weltpolitischen Verwerfungen werden. Mit regionaler erneuerbarer Energieerzeugung ist eine Stärkung regionaler Gemeinschaften vor Ort als Gegengewicht zur Globalisierung ist möglich. Erneuerbare Energieerzeugung bietet seit langer Zeit wieder die Möglichkeit regional zu erzeugen, was regional zur Deckung unserer Grundbedürfnisse notwendig ist.

Wir sollten unseren Blick auf die Chancen richten, die uns Energie aus Wind und Sonne eröffnen. Wir beginnen gerade mit der Dekarbonisierung des Stromsektors. Vor uns liegen noch Mobilitäts-, Wärme- und Chemiesektor. Wir haben noch ein gutes Stück Weg vor uns. Wir sollten jetzt mit dem ersten Schritt beginnen und uns auf den Weg in eine nachhaltige Welt machen.
(Leserbrief: veröffentlicht am 19.10.2016 im Pfaffenhofener Kurier)

Anpassung

Anpassung ist notwendig, um in der jeweils momentanen Umwelt überleben zu können. Über Generationswechsel sorgt die Evolution auf natürliche Weise für eine kontinuierliche Anpassung von Lebewesen an eine sich langsam verändernde Umwelt.

Denn mögen sich Lebewesen über ihr Leben hinweg verändern und damit an ihre Umwelt anpassen können, lebt die Evolution vom Generationswechsel. Anpassungssprünge finden nur durch die Geburt der nächsten, neuen Generation statt. Je schneller die Generationen wechseln können desto höher ist sozusagen das Anpassungspotential.

Dem zur Reflexion fähigen Menschen mit vergleichsweise langsamen Generationswechseln sollte somit an einer geringen Veränderungsgeschwindigkeit seiner Umwelt gelegen sein. Noch dazu wo die menschliche Anpassungsgeschwindigkeit von einer Vorgänger- zur Nachfolgegeneration sinkt – Eltern werden immer älter Eltern.

Wir jedoch beschleunigen nach wie vor die Veränderung unserer Umwelt. Wir erhöhen die technische und politische Komplexität durch beispielsweise Digitalisierung und Globalisierung. Und wir zwingen die Umwelt durch Ausbeutung und Verschmutzung zu Veränderungen wie beispielsweise zunehmende Wasserknappheit und Klimawandel. Krisen pflastern unseren Weg. Wobei jede Krise als Wendepunkt einer Krankheit hin zum Tod oder zur Gesundung und damit zum Leben immer(hin) eine Option böte.

Die Umwelt wird eine Lösung für alle Krisen finden. Die Frage ist nur, wieviel wir davon selbst gestalten und ob wir Teil der Lösung sind oder ob wir gestaltet werden.

Revolutionen sind radikale Veränderungen durch Menschen, die sich auf menschliche Aspekte wie Technik, Politik oder Kultur beziehen, die meist positiv konnotiert sind (wahrscheinlich, weil immer nur die „Überlebenden“ darüber urteilen) und bei der die Verlierer auf der „Strecke“ bleiben – bei der französischen Revolution beispielsweise hinterher tot waren.

In Evolutionszeiträumen gedacht sind unsere Veränderungen der Umwelt in den letzten Jahrhunderten radikal. Sozusagen eine allumfassende Revolution, die nicht nur einzelne Menschen und einzelne Aspekte menschlichen Lebens, sondern die Welt als Ganzes betrifft – und möglicherweise unsere eigene Anpassungsgeschwindigkeit bei weitem übertrifft.

Zwischen Schwarmdummheit und Schwarmintelligenz liegen gemeinsames Denken und Fühlen, was wirklich notwendig ist. Wenn wir der Evolution eine Chance geben wollen, werden wir uns gemeinsam verändern müssen und damit auch jeder sich selbst.

Veränderung aus Einsicht kann nur bei jedem selbst beginnen. Warten auf Veränderung beim Anderen ist wie Warten auf Godot. Fühlen wir den Schmerz, den wir uns und unserer Welt zufügen. Und denken wir darüber nach wie wir ihn in Freude darüber umwandeln können, uns (gerade noch) rechtzeitig angepasst zu haben.

Manchmal entdecke ich erst später, dass andere schon vor einiger Zeit in eine ähnliche Richtung gedacht haben. Es ist schön, zu sehen, dass Denken unabhängig voneinander zu ähnlichen Ergebnissen führt. Der Ansatz der „Permakultur“ – z.B. hier nachzulesen Permakultur – zielt in die selbe Richtung wie die oben ausgeführten Gedanken und bietet gleichzeitig Lösungsansätze.

Ein Buch, das von einem ganz anderen Ort startet, von einer Metaebene aus betrachtet aber in eine ähnlich Richtung denkt, ist: Moore, Robert; Gillette, Douglas: König, Krieger, Magier, Liebhaber. Initiation in das wahre männliche Selbst durch kraftvolle Archetypen. 2014.

Power-to-Gas

Das Technologiekonzept „Power-to-Gas“ wird zunehmend diskutiert. Die Idee dahinter ist, Strom zu nahezu 100% in Methan umzuwandeln. Erdgas besteht zu einem sehr großem Teil (98%) aus Methan. Mit „Power-to-Gas“ lässt sich also (synthetisches) Erdgas erzeugen.

Die zwei dafür notwendigen Prozessschritte sind schon seit über Hundert Jahren bekannt, die Elektrolyse und die Methanisierung (Sabatier-Prozess). Durch die Elektrolyse wird Wasser zu Wasserstoff und Sauerstoff gespalten. Durch die Methanisierung werden Wasserstoff und Kohlenstoffdioxid zu Methan verbunden. An beiden Technologien wird in letzter Zeit wieder intensiver geforscht, um Wirkungsgrad und Wirtschaftlichkeit zu steigern.

Interessant wird das Technologiekonzept „Power-to-Gas“ zum jetzigen Zeitpunkt aus zwei Gründen:

Erstens erzeugen wir immer mehr Strom aus erneuerbaren Quellen wie Windkraft und Photovoltaik (sogenannter „EE-Strom“). Da der Zeitpunkt der Stromerzeugung bei Windkraft und Photovoltaik volatil ist, entsteht viel Strom zu Zeiten, an denen er nicht gebraucht wird. Dieser Überschussstrom wird kostengünstig verfügbar und sollte genutzt werden. Zusätzlich wird die Stromerzeugung aus Windkraft und Photovoltaik immer günstiger, vor allem wenn die Anlagen abgeschrieben sind, da dann kaum noch (Betriebs-)kosten entstehen.

Zweitens beruht unsere Industrieinfrastruktur auf fossilen Energieträgern wir Kohle, Erdöl oder Erdgas. Über die vergangenen Jahrzehnte haben wir sehr viel in diese Infrastruktur investiert und es ist deshalb volkswirtschaftlich sinnvoll, diese weiterhin zu nutzen. Wenn wir aus erneuerbarem Strom Erdgas herstellen, können wir somit unabhängig von der Reichweite fossiler Ressourcen und unabhängig von Gasimporten z.B. aus Russland unsere vorhandene Gasinfrastruktur weiter verwenden. Gleichzeitig schonen wir unser Klima, da wir kein neues Kohlenstoffdioxid emittieren sondern es im Kreislauf verwenden.

Mit „Power-to-Gas“ lässt sich also aus erneuerbarem (Überschuss-)Strom Erdgas herstellen. Einzelne Konzepte gehen noch darüber hinaus und wollen statt Erdgas z.B. Methanol oder Erdöl herstellen. Hierfür werden dann Begriffe wie „Power-To-Liquids“, „Power-to-Chemicals“ oder „Power-to-Products“ (zusammengefasst „Power-to-X“) verwendet. Das Konzept ist jedoch in allen Fällen das Selbe.

Links:
Strategieplatform „Power-to-Gas“ der DENA: www.powertogas.info
Erklärvideo Power-to-Gas

Dokumentationszentrum Obersalzberg

Obersalzberg (Eindrücke)

Das Dokumentationszentrum am Obersalzberg bei Berchtesgaden führt den Besucher beginnend bei der Geschichte des Obersalzberges durch die Geschichte des Nationalsozialismus in Deutschland. Die Fülle der klar strukturierten und multimedial aufbereiteten Informationen ist so groß, dass ein Besuch sicher zu wenig ist, um jedes Detail aufnehmen zu können. Für mich jedenfalls.

Die Geschichte des Obersalzberges ist seit 1923 mit dem Leben Adolf Hitlers verbunden. Die Ausstellung gibt deshalb am Anfang einen Einblick in das Privatleben Adolf Hitlers am Obersalzberg und die Anfänge des Nationalsozialismus. Ein Film von Ulrich Chaussy lässt lokale Zeitzeugen zu Wort kommen. Für mich vermittelt die Ausstellung vor allem in den ersten Stationen verstörende Einblicke, die ein Gefühl von Ambivalenz entstehen lassen.

Jubelnde Mengen, die – wie Groupies einem Popstar – ihrem Idol zujubeln, vor Ort übernachten, um einen Blick auf ‚ihren Führer‘ zu erhaschen, die Kieselsteine, auf denen ‚ihr Messias‘ gewandelt ist, in Glasfläschchen sammeln. Was ist der Unterschied zu jubelnden Mengen bei Popkonzerten oder präsidentiellen Wahlkämpfen?

Erstaunlich ist auch, wie schnell ein so großer Staat wie Deutschland ‚gleichgeschaltet‘ werden konnte. Wie schnell Staatsverwaltung, Gerichte, Verbände usw. auf die neue Linie getrimmt werden konnten. Funktionierende Strukturen scheinen von Inhalten und Werten unabhängig zu sein. Und viele damalige Strukturen sind auch heute nicht anders. Für effiziente Organisation scheint es nicht viele Alternativen zu geben. Entscheidend sind wohl die Menschen darin.

Fortschritt und Modernität waren tragenden Säulen des Systems – wenn es der Ideologie diente. Der Zugang zu Technik, Reisen und Bildung sollte allen möglich werden, und nicht nur ein Privileg von Bürgertum und Oberschicht sein. Der Volksempfänger, ein für jedermann erschwingliches Radio wurde entwickelt – natürlich damit jeder empfangsbereit für die nationalsozialistischen Ideen war. Der ‚Kraft durch Freude‘-Wagen wurde entworfen, um jeder Familie Reisen zu ermöglichen – kriegsbedingt erlebte der ‚Volkswagen‘ erst nach dem Krieg seinen Durchbruch. Reisen wurde weiten Bevölkerungsschichten trotzdem zugänglich gemacht – fast könnte man meinen, es wäre der Startschuss für den heutigen Massentourismus gewesen. Theatervereine wurden gegründet, damit alle Zugang zu bislang dem Bürgertum vorbehaltenen Bildungsinhalten erhielten. Fast scheint es, als wären Inklusion und die Senkung des Gini-Koeffizienten einige der großen Ziele gewesen. Doch es bildeten sich neue, andere Eliten und viele wurden nicht nur öffentlich ausgegrenzt sondern grausam ermordet – durch Menschen, nicht durch eine Ideologie.

Umso unerträglicher sind dann die Einblicke in das private Leben Adolf Hitlers. Er war wohl überaus durchschnittlich, stand spät auf, langweilte mit seinen Monologen im Teehaus auf dem Obersalzberg sein ‚Gefolge‘ und ist dabei wohl auch des öfteren eingeschlafen. Seine ‚Zuhörer‘ haben sich dann im Flüsterton unterhalten und gehofft, dass er rechtzeitig zum Abendessen wieder aufwacht. Der (Ver-)Führer war kein Monster, sondern ein Mensch, dem viele andere Menschen gefolgt sind.

Gerhart Polt hat wohl recht, wenn er sagt,  „der Mensch ist dem Mensch ein Mensch“. Der Dämon sind im Zweifel immer wir. Wir können uns glücklich schätzen, wenn wir nie in die Situation kommen, das widerlegen zu müssen. Viele Strukturen, Rituale und Organisationsformen haben sich bis heute kaum geändert. Die Inhalte (hoffentlich) schon. Deshalb bleibt es wichtig, sich selbst gegenüber wachsam zu bleiben und zu beobachten, wann die eigene Freiheit die Grenzen der Freiheit anderer verletzt.

Die Demokratisierung der Energieerzeugung (Ein Essay)

Einleitung

Unser Energiesystem wandelt sich grundlegend. Sonnenenergie muss nicht mehr über den Umweg fossiler Energieträger in Strom gewandelt werden sondern kann unmittelbar über Photovoltaik- oder Windkraftwerke direkt in Strom gewandelt werden. Große zentrale Kraftwerke können von kleinen dezentralen Kraftwerken abgelöst werden.

Aus meiner Sicht ergeben sich dadurch die folgenden drei Paradigmenwechsel für unser Energiesystem: Energieerzeugung wird demokratisch, Strom wird der ‚Primärenergieträger‘ der Zukunft und der Infrastrukturvorteil der Industrieländer gegenüber den Entwicklungsländern verliert an Gewicht.

Im folgenden will ich die Gedanken ausführen, die mich zu diesen Hypothesen geführt haben. Ob diese zutreffend sind, wird die nähere Zukunft zeigen.

Fossile Energieerzeugung

Pflanzen wandeln im wesentlichen Kohlenstoffdioxid (CO2) und Wasser (H2O) mit Hilfe von Sonnenenergie in Kohlenstoffverbindungen um. Sie tun das nicht sehr effizient, zumal sie einen Teil davon selbst wieder für ihr Wachstum verbrauchen. Der Wirkungsgrad liegt im unteren einstelligen Bereich (etwa 1 Prozent, bei manchen speziellen Züchtungen auch bei 4 Prozent). Damit wesentliche Energiemengen entstehen ist also viel Zeit notwendig.

Das Potential, aus Biomasse Energie zu gewinnen, unterliegt damit natürlichen Schranken. Dass sich die Menschheit dieser Schranken nicht bewußt wahr oder sie nicht wahrnehmen wollte, wird etwa dadurch offensichtlich, dass Europa und die Welt in der Vergangenheit mehr Waldfläche hatte als heute. Wir haben mehr Biomasse für zum Beispiel Schiffbau oder die Heizung von Gebäuden verwendet als nachhaltig verfügbar war.

Da die Natur etwas Vorsprung hatte, konnten über mehrere Millionen Jahre große Mengen an Biomasse entstehen. Diese wurde durch die Zeit zu Torf, Kohle, Erdöl und Erdgas – fossile Energieträger mit einer weitaus höheren Energiedichte als Holz oder andere Biomasse und in scheinbar unbegrenztem Ausmaß vorhanden.

Aufbauend auf den fossilen Energieträgern konnte die Industrialisierung Europas im 19. Jahrhundert beginnen und wir haben unser Wirtschaften auf die fossilen Energieträger Kohle, Öl und Gas aufgebaut. Daraus gewinnen wir Strom, Wärme, Mobilität und viele weitere Produkte des täglichen Lebens.

Erneuerbare Energieerzeugung

Inzwischen gibt es technische Möglichkeiten Sonnenenergie ohne den Umweg über Biomasse zu nutzen. Windräder und Photovoltaikzellen wandeln Sonnenenergie immer effektiver und effizienter in Strom um, der für uns am wertvollsten weil am flexibelsten einsetzbaren Energieform.

Der politisch motivierte Einstieg in die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien und die Finanzierung der Entwicklung der dafür notwendigen neuen Technologien durch die deutschen Stromkunden und Steuerzahler hat dazu geführt, dass die Stromerzeugung daraus inzwischen betriebswirtschaftlich wettbewerbsfähig ist – ohne Förderung. Deutschland und seine Bürger haben dadurch einen wichtigen Beitrag für eine zukünftige ökologische Energieversorung der Welt geleistet und leisten diesen weiterhin.

Erneuerbare Kraftwerke unterscheiden sich dabei in mehreren Punkten von der bisherigen konventionellen, fossilen oder atomaren Energieerzeugung:

1. Wirtschaftlichkeit und Wirkungsgrad konventioneller Kraftwerke lassen sich durch Vergrößerung steigern. Der Aufbau von Wind- und Photovoltaik-Kraftwerken ist hingegen modular. Zwar lassen sich auch hier Skalierungseffekte durch größere Einzeleinheiten erreichen – Windräder steuern inzwischen von wenigen kW in den Anfängen auf die 10 MW Leistungseinheit zu -, doch entstehen größere Kraftwerke durch die Gruppierung vieler einzelner Einheiten zum Beispiel zu einem „Windpark“. Dadurch, dass der Zusammenhang zwischen Effizienz und Größe schwächer ist, werden kleine, dezentrale Einheiten am Ort des Energieverbrauches begünstigt. Notwendigerweise müssen die örtlichen klimatischen Randbedingungen hierzu ausreichend sein.

2. Bei konventionellen Kraftwerken überwiegen die Betriebskosten, vor allem durch den Verbrauch von fossilen Energieträgern als Brennstoff, die Investitionskosten bei weitem. Windräder und Photovoltaik-Anlagen haben hingegen kaum Betriebskosten – Wind und Sonne sind kostenlos erhältlich. Deshalb sind für die Stromkosten fast ausschließlich die Investitionskosten entscheidend. Sinken diese weiterhin oder haben Anlagen eine längere Lebensdauer als die Abschreibedauer der Investitionskosten, lässt sich Strom nahezu kostenlos erzeugen – unabhängig von mitunter stark schwankenden fossilen Rohstoffpreisen.

3. Die (Bedien-)Kompelxität von konventionellen Kraftwerken wie zum Beispiel Atomkraftwerken ist sehr hoch. Fachpersonal ist für den Bau und den Betrieb unabdingbar. Die Technologie und die Produktionstechnik ist zwar auch bei Windkrafträdern und bei Photovoltaikzellen komplex und erfordert technische Expertise. Der Aufbau und vor allem der Betrieb ist jedoch weitaus weniger kompliziert. Auch technische Laien können eine Photovoltaik-Anlage auf ihrem Dach betreiben.

4. Mit dieser geringeren Komplexität geht ein deutlich niedrigeres Risikoprofil einher. Sowohl was den Ausfall einer einzelnen Anlage für das Gesamtsystem als auch für die unmittelbar betroffene Umgebung betrifft. Der Logik des Internets folgend – viele unabhängige dezentrale Einheiten verbunden zu einem Gesamtsystem – gefährdet der Ausfall einer einzelnen Anlage das Gesamtsystem weitaus weniger als es der Ausfall eines großen Kraftwerks tun würde. Und anders als bei einem Atomunfall, der Kraftwerkstechnologie mit dem verherrendsten Zerstörungspotential, schädigt eine einzelne Windkraftanlage nur die nähere Umgebung und das auch nur für einen überschaubaren Zeitraum.